Wo ist es, wo ich bin?

Unscheinbar erkenne ich eine Straße, einen Flusslauf, eine Gartenparzelle. Bei genauerer Betrachtung entfaltet sich ein Geflecht von Beziehungen, eine Kreuzung von menschlichen Interaktionen, ein Fluss von Materie und Dingen und Materie...

Ablagerungen von Baustoffen, Klassifikation von Abfall und Wertstoffen, eine Komposition von Blüten, ein Wachstum von Pflanzen. Lautstärken von Stimmen, eine Kommunikation über Distanzen, Wege, Gärten hinweg, über tausende Kilometer: die wochenlange Reise eines Briefes; Ein beiläufiger Kommentar ins Headset gesprochen gefolgt von einer Konkretisierung: An der Brücke.

Ein Ort der Industrialisierung: Eine Bezeichnung für eine Serie von vielzähligen Eingriffen in eine Umwelt, die man vielleicht als etwas begriff, was man Natur nannte. Eingriffe und Übergriffe in die Bewegung und den Raum von Körpern, die absolute und folgenreiche Umstrukturierung von Leben als solchem und Realität als solcher. Andauernde Folgen für die Bevölkerung, Folgen die so etwas wie eine Bevölkerung erst produzierten.

Seit September 2021 arbeiten wir mit Unterstützung des Kulturamts der Stadt Leipzig am Projekt „Wo ist es, wo ich bin?“.

„Wo ist es, wo ich bin?“ ist eine Frage, die in Variationen gestellt werden kann. Die holprige Formulierung ist Ausdruck einer Unterbrechung. Die Unterbrechung eröffnet den Blick auf das Unbekannte und damit auf das Verhältnis von subjektiver Wahrnehmung und äußerer Welt oder auch „anderen“ subjektiven Wahrnehmung. Dieses Verhältnis kann als gelegentliches Holpern, als Stolpern und Fallen wahrgenommen werden, als Riss, Spalt, Tal, oder auch als Portal.

Mit dieser Frage trete ich unwillkürlich ins Halböffentliche.

 

Wir nutzen die denkmalgeschützten Lauben der Werksgärten der Baumwollspinnerei als Ausgangspunkt für Recherchen, Gespräche:

Zur Organisation des Betriebs (Baumwollspinnerei Leipzig); zu den Lebensumständen der Arbeiter*Innen der Baumwollspinnerei in den verschiedenen politischen Systemen des letzten Jahrhunderts; zur Vorgehensweise des Vorstands der Baumwollspinnerei in den deutschen Kolonien, sowie zu den Lebensumständen und Perspektiven der Menschen in den ehemaligen „deutschen Schutzgebieten“ (im heutigen Tansania).

Begleitet wird die Recherche von Interventionen in der Gartenanlage. Wir versuchen Bezüge und Ideen zu materialisieren.

Aktuell befindet sich im Garten des KNACK ein großes Portal sowie bedruckte Planen, die ein Sumpfgebiet darstellen. Der Sumpf verweist auf das ökologische Gefüge, welches in dieser Region vor der Urbarmachung existierte.

Mit „Wo ist es, wo ich, bin?” versuchen wir die Landschaft, in der wir uns verorten und deren Teil wir geworden sind, zu verstehen. 

Der Begriff der Landschaft ist eine Hilfestellung dafür, die Gegenstände, Bereiche und verschiedenen Lebewesen nicht als isoliert sondern in Beziehung zueinander zu  verstehen. Kunsthistorisch stellt die Landschaft immer auch eine bestimmte Perspektive her, sie beschreibt oder definiert somit nicht nur was als Landschaft definiert und hergestellt wird sondern auch die Perspektive, von der aus Landschaft hergestellt wird. Die Landschaft ist diesbezüglich also auch eine Praxis der Verortung. 


 

 Um Gespräche und Begegnungen einzuleiten und zu vertiefen, haben wir 2021 den Garten zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im kommenden Jahr werden weitere Veranstaltungen im Garten stattfinden. Die Ergebnisse der Recherche werden weiter auf der Website veröffentlicht und in Form von Faltblättern am Garten zum mitnehmen ausgelegt.


Lukas Pfalzer, Dezember 2021



 

 

Recherche und Forschung im Rahmen des Projekts Wo ist es, wo ich bin?”

 

Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit der Baumwollspinnerei Leipzig um 1907

Vanessa Sänger, Felix Albroscheit, 26. November 2021


 

Einleitung

Der Diskurs um das Erbe der deutschen Kolonialgeschichte hat in den vergangenen Jahren durch Bildungsprojekte wie „Postkolonial Leipzig“ oder dem „Humboldt Lab Tanzania“ an Fahrt aufgenommen. In seinem Kern beinhaltet er die kritische Auseinandersetzung mit den Kolonisierungsbestrebungen des ehemaligen deutschen Reiches, dessen Spuren noch heute an vielen Gebäuden und Orten in Europa, Afrika, den „Übersee-Plantagen“, vor allem aber in strukturell bestehenden Denkmustern zu finden sind. Die fehlende – und oft nur lineare – Auseinandersetzung mit dem Wesen des „Eigenen“ und des „Anderen“ benötigt immer zunächst einen faktenbasierten, in seiner Dekonstruktion neu ordnenden Dialog über historisch geformte Besitz- und Machtverhältnisse als Resultate von Industrialisierung und Kolonialisierung. Der Fall der kolonialen Vergangenheit der Baumwollspinnerei Leipzig in den ab 1907 errichteten Baumwollplantagen der damaligen „Schutzgebiete“ Deutsch-Ostafrikas markiert solch eine oft fehlende Auseinandersetzung. Im Zuge einer Erstförderung durch die Stadt Leipzig im Sommer 2021 wurde daher eine Aufarbeitung durch Vanessa Sänger und Felix Albroscheit, beide Studierende der African Studies, angestoßen und Teile der gesammelten Ergebnisse in Textform dokumentiert. Im Frühjahr 2022 soll dieser Bericht um Erfahrungs-, Bild- und ggf. Interview-Material erweitert werden, welche als Teil eines Auslandsaufenthalts an der Ostküste Tansanias erarbeitet werden.


 

Verwendete Quellen & Materialien

Klassische Primär- und Sekundärquellen aus dem für diese Forschung relevanten Zeitraum um 1880 – 1914 befinden sich in den heutigen Staatsarchiven der einzelnen Bundesländer und Städte sowie vereinzelter Archive der Handelskammern, ehemaliger Missionswerke (bspw. Leipziger Missionswerk) und möglicherweise auch ehemaliger Missionsstationen im heutigen Tansania. Diese Quellen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Den politisch-wirtschaftlichen Komplex über die „Baumwollfrage“ auf europäisch-deutscher Seite (bspw. Zeitungs- und Propagandaartikel, Protokolle von Komitees und Tagungen, Kennzahlen über [land-]wirtschaftliche Zusammenhänge) sowie Dokumente über die Umsetzung der landwirtschaftlichen Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent (regelmäßige Berichte über Methoden und Erfolg des Anbaus, Zustand von Ländereien, Gerätschaften und „Arbeiterschaft“, Kolonialzeitungen, sowie Fotografien). Diese Quellen wurden in Bezug auf die Baumwollspinnerei Leipzig vor allem in der Literatur von Kathrin Fritsch (2007) und Thadeus Sunseri (2001) recherchiert und ausgewertet. Erstere beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Die Leipziger Baumwoll- und Sisalplantagen in Deutsch-Ostafrika“ mit der Geschichte der Leipziger Baumwollspinnerei und deren überseeischen Beziehungen. Die Autorin verwendet hauptsächlich deutsche Literatur und Material aus Beständen des Reichskolonialamtes sowie des Sächsischen Staatsarchivs Leipzig (Nachlass der Leipziger Baumwollspinnerei). Im Fokus stehen die Plantagen der Leipziger Baumwollspinnerei, deren Entwicklung, der Landerwerb und die Umsetzung der Baumwoll-, später auch Sisalplantagen. Fritsch bedient sich einer historischen Aufarbeitung nach verschiedenen Abschnitten der Kolonialisierung (1902 – 1914). Sie bettet die Geschichte der Leipziger Baumwollplantagen in den größeren Kontext der europäischen Baumwollfrage ein und schließt ihre historische Aufarbeitung mit dem Verlust der deutschen Baumwollplantagen durch den Ersten Weltkrieg ab. Zudem beinhaltet ihre Arbeit eine Auswahl an Schwarz-Weiß Fotografien aus den Fotoalben des Sächsischen Staatsarchivs. Sowohl an der für Aufnahmen aus Kolonien typischen Zentralperspektive sowie der nach heutigem Ermessen teils rassischen Titulierungen dieser Bilder, stellen auch diese Quellen eine rein deutsche Perspektive auf das Geschehen in den „Schutzgebieten“ dar. Ein im Zuge einer Ausstellung produziertes, hochwertiges Faksimile-Set einzelner Aufnahmen liegt nach eigenen Angaben dem Herausgeber der Fritsche-Publikation, Herrn Adam Jones, in seinem Leipziger Büro vor. Eine Reihe an Abzügen ist zudem im Archiv der Baumwollspinnerei ausgestellt, beinhaltet jedoch aktuell nicht die Originaltitel.

Ein zweites, für die Basis-Recherche sehr wertvolles Dokument stellt Thadeus Sunseris „The Baumwollfrage: Cotton Colonialism in German East Africa“ dar. Die Leipziger Baumwollspinnerei agiert hier als prominentes Fallbeispiel für den erstmaligen großflächigen Anbau von Baumwolle in den damaligen „Schutzgebieten“ Deutsch-Ostafrikas. Unter Zuhilfenahme einer breiten Palette an Primär- und Sekundärquellen stellt der Autor insb. die aus heutiger Sicht schwer greifbaren Zusammenhänge zwischen global wachsenden Wertschöpfungsketten, Zeitgeist und Visionärtum, wirtschaftlichen und nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen sowie sozialen und geschlechterspezifischen Spannungen des anbrechenden 20. Jahrhunderts in Europa dar. Dieser als „Baumwollfrage“ oder „Baumwollkulturkampf“ zusammengefasste Diskurs präsentiert anschaulich die Dynamiken zwischen den einzelnen politischen und wirtschaftlichen Akteuren, aber auch das erste Erstarken nationaler Narrative und arbeiterlicher Strukturen auf deutscher Seite. Im zweiten Teil seiner Arbeit widmet sich Sunseri vor allem der Finanzierung und Durchführung des Baumwollprojekts rund um die von der Baumwollspinnerei erworbenen Plantagen an der Ostküste im heutigen Tansania, allerdings mit weitaus weniger Ausführlichkeit als die Arbeit von KathrinFritsch. Leider bleibt auch hier, vermutlich mangels Quellen, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Arbeit, der Arbeiter- und Bauernschaft und dem Arbeitsbegriff auf afrikanischer Seite aus.

Zuletzt existiert mit dem filmischen Essay „Archipel Z“ vom Leipziger Künstler Maix Meyer eine bildgewaltige Auseinandersetzung über die materiellen Überbleibsel der Leipziger Baumwollspinnerei nahe des Küstenortes Sadani im heutigen gleichnamigen Nationalpark. In einem gemeinsamen Treffen mit Maix und dem KNACK-Projekt in den Räumlichkeiten der Baumwollspinnerei im Oktober 2021 konnte der Künstler weitere Einblicke in seine Reise, das gesammelte Videomaterial sowie Eindrücke über afrikanische Lebensrealitäten geben. Das entstandene Essay diente mitunter als Vorbereitung für die später entstandene Ausstellung “Afronautic Tales” und sucht durch seine sphärische Erzählform sowie der “transistorische[n] [sic.] Funktion des Reisens als Verschmelzung von Raum- und Zeiterfahrungen” bewusst die Auseinandersetzung mit Vorstellungen von Ferne, (Afro-)futurismus sowie deutscher und ostdeutscher Vergangenheit entlang der tansanischen Küste. Auf der sansibarischen Hauptinsel Unguja befinden sich nur wenige Meter von der historischen Altstadt entfernt die von Expert:innen und Stadtplaner:innen der DDR-Regierung ab den 1960er Jahren konzipierte Plattenbausiedlung “Michenzani”, mit deren Darstellung der Film endet und dabei implizit weitere Fragen über das Kalkül von Macht, Inszenierung und Urbanität aufwirft.


 

Zielsetzung des Recherche- und Forschungsprojekts

Neben einer grundsätzlichen historischen Recherche und Aufarbeitung  versuchen wir insbesondere die aktuellen Diskurse rund um die Spuren deutscher und afrikanischer Kolonialgeschichte aufzugreifen und mitzugestalten.

Ziel ist es, neue Blickwinkel zu schaffen, aus denen die vielfältigen vertikalen und horizontalen Spannungsfelder sichtbar werden, welche sich in Hinblick auf Arbeiterschaft, Urbanisierung, Zeitgeist und wandelnde Machtverhältnisse während der Industrialisierung des frühen 20. Jahrhunderts auf beiden Kontinenten ergaben. Die während der Forschung herauszuarbeitenden Spannungsfelder sind dabei nie als Fixes, Lineares oder Ganzes zu verstehen, denn sie pendeln zwischen Geschichten von visionärem Aufbruchsdenken und Scheitern; der Trennung von Menschen in Kolonisierte und Kolonisierende, Arbeitende und Besitzende; der Urbarmachung von Metropolen und Peripherien.

Baumwolle, als rein wissenschaftlicher Betrachtungsgegenstand, driftet im Verlauf dieses Diskurses also zunehmend an den Rand des Bewussten; und trägt doch, in ihrer bloßen Materialität und Dramaturgie, stets die zentrale Rolle in einer Reihe von Ereignissen, welche am Anfang der Geschichte mit dem Bestreben anfingen, die Erde einmal mehr untertan zu machen.



 

Zusammenfassung erster Rechercheergebnisse

Wie unsere bisherige Recherche zeigen konnte, unterhielt die Baumwollspinnerei Leipzig in der Zeit ihres Wirkens auf den Plantagen rund um den tansanischen Küstenort Sadani bis ins Landesinnere zwischen 1907 bis 1914 (also zu Beginn des 1. Weltkrieges) etwa 1.500 – 4.000 afrikanische Arbeiter aus den verschiedensten Teilen Ostafrikas und des heutigen Kongos. Die Aufteilung der Arbeiterschaft in verschiedene ethnische und sprachliche Gruppen dürfte wohl kein Zufall gewesen sein, stand das ostafrikanische Land doch gerade erst am Ende einer der blutigsten Niederschlagungen von Aufständen in dieser Region, der sog. Maji-Maji-Rebellion, welche zwischen 75.000 - 300.000 Indigenen und einer Handvoll deutscher Soldaten das Leben kostete. Aus heutiger Zeit betrachtet lässt sich annehmen, dass Baumwolle und die mit ihr verbundene Zwangsarbeit von Afrikaner:innen auf gemeinsamen Dorfäckern bereits vor ihrem großflächigen Anbau zentraler Auslöser für die entstehenden Aufstände und deren Unterschlagung durch deutsche Soldaten und Söldner (askaris) waren. Letztere beinhaltete die u.a. durch die “Taktik der verbrannten Erde” bekannt gewordene systematische Aushungerung ganzer Landstriche sowie der Aneignung tausender Besitztümer durch deutsche Museen und Kaufleute (s. Fußnote 6).

Die Unternehmung der Leipzig Baumwollspinnerei besaß bereits nach wenigen Monaten gut 30.000 Hektar an zumeist bewaldetem Land, welches für die Kultivierung mit Baumwolle zunächst gerodet, dann unter Zuhilfenahme von Ochsen und Dampfpflug zum Anbau vorbereitet werden musste. Die Spinnerei Leipzig, nach etwa zwei Jahrzehnten bereits die größte ihrer Art in Deutschland, später des gesamten Kontinentaleuropas, sollte durch diese Plantagen binnen weniger Jahre von den ägyptischen und immer sprunghafter werdenden amerikanischen Märkten unabhängig werden. 

Der Traum von Baumwolle aus den eigenen Kolonien wurde damit zur Jahrhundertwende bald schon zur Staatssache. Politiker:innen des linken und konservativen Spektrums, sowie Vertreter:innen von Industrie und Kirchen stritten sich um die „Baumwollfrage“, d.h. mit welchen Methoden – Klein- oder Großanbau, Zwangs- oder freie Arbeit  – Baumwolle in welchen Kolonien bewirtschaftet werden sollte. Während die einen vor einem „Kulturkampf“ warnten und damit die ökonomische Abhängigkeit von exportierenden Weltnationen wie England und den USA sowie das Erstarren der zuletzt rasant gewachsenen Textilindustrie im Landesinneren meinten, sahen die anderen soziale Revolte und moralische Verwerfungen, nicht zuletzt durch den verstärkten Einsatz von Frauen als verhältnismäßig billigere Arbeitskräfte in den Spinnereien, voraus.

Wie Thaddeus Sunseri, Afrika-Historiker an der Colorado State University, passend resümiert, legte der Wunsch nach einem Erstarken deutscher Baumwoll-Exporte aus den Übersee-Kolonien somit den historischen Grundstein für eine Reihe von einzigartigen Blickfeldern auf die zunächst abstrakt erscheinenden Differenzen und Verflechtungen zwischen sächsischen Arbeiter:innen und afrikanischen Landbewohner:innen. In beiden Fällen schufen Imperialismus, Industrialisierung, Urbanisierung und die damit verbundene ökonomische Nutzbarmachung von zuvor nicht bewirtschaftbarem Land in den Metropolen Europas und Peripherien des globalen Südens das ideologische Fundament von Macht, Klasse und Besitz, an deren unteren Enden sich beide Akteursgruppen in unterschiedlichen Rollen widerfanden. Eine Analyse unter dem Aspekt der Ähnlichkeit bedient sich einer Reihe aus ihrem Kontext trennbarer Symbolik und Materie, wie die für Fabrik- und Feldarbeiter:innen errichteten, betriebseigenen Unterkünfte oder Hütten, die Lohntüten und Vorschusszahlungen, das Kreischen der tonnenschweren Dampfmaschinen oder den ähnlich harschen Arbeitsrealitäten, welche sowohl in Deutsch-Ostafrika als auch Leipzig oft von 12- oder 14-stündigen Arbeitstagen geprägt waren. Und doch zeigt eine tiefergehende Betrachtung der Umstände der Arbeiter:innen den breiten Kontrast zwischen den Lebensrealitäten beider Akteursgruppen: Landarbeiter:innen in Deutsch-Ostafrika erhielten weniger als 1/30 des Lohns ihrer deutschen Vorarbeiter, waren dieser Logik nach aber keine Sklaven, sondern „freie“ Lohnarbeiter:innen. Ebenso symbolisch wie ihr Verdienst waren die ersten Exporte deutsch-ostafrikanischer Baumwollballen nach Leipzig in 1908. Aufgrund weiterer Missernten durch Insektenbefall sowie der nur zaghaft voranschreitenden Urbarmachung der Ackerböden, laut deutschen Interessensvertreter:innen vor allem aufgrund mangelnder Arbeitskräfte, geriet der Erfolg des Projekts „deutsche Baumwolle aus Übersee-Kolonien“ in immer weitere Ferne. Um einen wirtschaftlichen Totalausfall zu vermeiden, wichen die Investor:innen zunehmend auf den weitaus erfolgsversprechenderen Anbau von Sisal zur Fasergewinnung aus. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs gerieten schließlich auch die Ländereien der Baumwollspinnerei in englischen Besitz. 

Das Scheitern des Leipziger Baumwollprojekts wird aus den oben genannten Gründen in vielen Quellen als rein ökonomisches Scheitern gedeutet: Eine Expedition und Investition, die sich aufgrund klimatischer und organisatorischer Schwierigkeiten sowie der Einschläge des Ersten Weltkriegs nicht profitabel abschließen ließ. Dieses Narrativ beansprucht jedoch eine Deutungshoheit nach europäischen Maßstäben. Damit mag es darüber hinwegtäuschen, dass der unter Zwang verordnete Anbau von Baumwolle und anderen Kolonialgütern (z.B. Kaffee, Kautschuk, Sisal) einen horrenden Einschnitt in das zumeist unter Subsistenzwirtschaft gestaltete Leben der indigenen Bevölkerungen bedeutete – auch über Maji Maji und die einhergehende „Taktik der verbrannten Erde“ mit ihren hunderttausenden Opfern hinaus.


 

Ausblick und weitere Forschungsansätze

Die genannten Quellen ermöglichen eine Rekonstruktion historischer, mit der „Baumwollfrage“ verknüpfter Dynamiken sowie wirtschaftlich-gesellschaftlicher Klimata auf europäischer Seite. Doch wie ließe sich, zumal unter Berücksichtigung der begrenzten Quellenlage, eine „afrikanische“ Perspektive formulieren, welche die gemachten Kolonial- und Ausbeutungserfahrungen thematisiert und einordnet? Wie lassen sich rückblickend betrachtet Machtverhältnisse zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden formulieren, entlang welchem Kalkül verlief die tägliche Organisation und Ordnung auf den Plantagen? Eine weitere Frage, welche in den Quellen bisher nicht tiefergehend analysiert wurde, betrifft die Aufteilung der Arbeiterschaft entlang ethnischer Linien. Was bedeutete eine Trennung der Arbeiter in versch. Sprachgruppen, sowohl für die Kommunikation untereinander als auch mit den deutschen Siedlern? Wie erlebten und klassifizierten Afrikaner zu dieser Zeit möglicherweise das neu eingeführte Konstrukt der "Lohnarbeit" auf den „Leipziger“ Plantagen?

Im Zuge einer Forschungsreise der beiden Autor:innen an die Küste von Tansania im Frühjahr 2022 soll ein Teil dieser Fragen neu aufgegriffen und Spuren des kolonialen Erbes der Baumwollspinnerei Leipzig in Abstimmung mit lokalen Akteuren aus Wissenschaft und Kunstszene gesucht werden.